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DIE FRAU VON FRÜHER
Schauspiel von Roland Schimmelpfennig
 

Frank

 

Wie soll ich meinen Sohn aufgeben?
Ich meine: Selbst wenn ich von hier weggehe, der Sohn wird immer bleiben.
Es wird ihn immer geben - so wie es immer die vergangenen vierundzwanzig Jahre gegeben haben wird - die ganze Zeit ohne dich.

Claudia

 

Was du da sagst -
Das sagt man niemandem - was du gerade gesagt hast - nicht einmal nach neunzehn Jahren Ehe.
So etwas sagt man nicht.
Nicht, nachdem ich deinen Sohn großgezogen habe. Und schon gar nicht, wenn man - wie wir - in eine gemeinsame Zukunft gehen wollte -
So etwas sagt man nicht.

Andi

 

Tina und ich, wir beide, heute ist unser letzter Tag, die Sonne steht schon tief, und dann verlässt die Frau, diese Frau, das Haus, und ich kann nicht sagen, warum, sie macht uns wütend, etwas an ihrer Art, ihr Gang, ich weiß nicht, was, die Unruhe, sie macht uns wütend, wir spüren es gleichzeitig, und dann greift Tina nach einem Stein und wirft nach ihr, verfehlt sie, zweimal, die Frau ist zu weit weg, unmöglich, sie zu treffen, denke ich und werfe auch nach ihr, aber der Stein, wie von ihr angezogen, fliegt auf sie zu, gerade als sie sich wegdreht, und trifft sie voll am Kopf. Die Frau schlägt hin und steht nicht wieder auf.
Was habe ich getan?
Für diesen einen Augenblick, für diesen Steinwurf, bezahle ich mit meinem ganzen Leben.

Tina

 

Nackt, wie wir sind, beginnen wir durch das Haus zu laufen. Wir bewegen uns geräuschlos im Dunkeln durch die Zimmer, den Flur, die Treppen rauf und runter. Wir bleiben vor dem Zimmer meiner Eltern stehen und gehen dann weiter, aus der Haustür, nackt, trotz der Kälte in den Garten auf den Rasen und wieder zurück nach unten zu mir.
Plötzlich steht mein Vater im Zimmer, in Pyjamahosen und im Unterhemd.
„Raus, sofort raus -“, und dann packt er Andi und zerrt ihn, vorbei an meiner schreienden Mutter, die Treppe hoch und wirft ihn aus dem Haus.

Romy  

Was glaubst du? Wie, glaubst du, habe ich die ganze Zeit verbracht? Die letzten vierundzwanzig Jahre? Was es da gab? Männer - nicht einen, viele, einen nach dem anderem, such dir die Berufe aus, Assistenten, Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler, wovon soll ich dir erzählen? Von den Wohnungen, von den Autos? Von den Urlauben? Oder von den Trennungen? Was denkst du, wie ich die letzten vierundzwanzig Jahre verbracht habe? Ich war selten allein, aber ich habe immer gewartet - denn keiner, keiner von denen war so, wie du es damals warst, keiner von denen kam raus aus dem, was aus ihm werden sollte - da war nichts, keine Freiheit, nichts, all die Jahre lang nur Planung. Programm. Entwürfe. Jetzt sag mir nicht - jetzt sag mir nicht, dass du genauso bist.

© Stadtbühne Sterzing - 18.03.08